Weser-Ems: Schiedsrichter streiken!


10. März 2017

Bezirksligen & Landesliga Weser Ems drohen auszufallen

»Ohne Schiedsrichter geht es nicht« heißt eine Image-Kampagne im NFV. Und dieser "Super-Gau" könnte nun tatsächlich eintreten. Wie der "Schiedsrichtersausschuss - Bezirk Weser Ems" entschied, werden die Unparteiischen am bevorstehenden Spieltag streiken! Damit drohen fast 100 Spiele in Bezirk Weser Ems, also in den fünf Bezirksligen und der Landesliga, auszufallen. Grund: Ein Sportgerichtsurteil, welches von Oberverbandssportgericht aufgehoben worden war.

Der Bezirk verweist aktuell darauf hin, dass die Spiele laut Spielordnung trotzdem stattfinden müssen. Die Vereine sind also in der Pflicht, einen Spielleiter zu finden, den beide Mannschaften akzeptieren!

Gleichzeitig machen die Schiedsrichter ihrerseits mobil: "Solltet ihr gefragt werden, ob ihr ein Spiel übernehmen könnt, so ist dies abzulehnen. Deutlich wird hier a) an den kameradschaftlichen Zusammenhalt appelliert und b) ist dies wegen der Versicherung nicht geklärt. Lasst uns bitte gemeinsam ein Zeichen setzen". 

Was war zuvor passiert?

„So etwas wie euch sollte man vergasen“, hatte ein „Fan“ nach dem Bezirksliga-Spitzenspiel (18. September) zwischen Grün Weiß Firrel und TuRa Westrhauderfehn zum Schiedsrichter-Gespann auf dem Weg in die Kabine gesagt. Der Schiri Benedikt Schröder (Bad Zwischenahn) notierte diese verbale Entgleisung in einem Sonderbericht des Spielberichts und brachte den Verein, so ist es ein normaler Vorgang, damit vor das Bezirkssportgericht. Dabei war die Beleidigung unbemerkt von allen Beteiligten gefallen.

In der Folge wurde Firrel vom Bezirkssportgericht wegen „diskriminierenden Verhaltens seiner Anhänger“ zu einer 400-Euro-Geldstrafe verurteilt. Dabei nahmen die „Bezirksrichter“ an, dass der Mann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ein „Firrel-Fan“ war und der Heimclub für die Zuschauer Verantwortung trage und deshalb bestraft werden müsste.

Doch GW Firrel legte Berufung ein – und war damit vor dem Verbandssportgericht erfolgreich. Das Urteil wurde „kassiert“ und Grün-Weiß freigesprochen. „Die Äußerung des Zuschauers stellt zwar eine schwerwiegende, ungeheuerliche und menschenverachtende Beleidigung dar, die Tatbestandsvoraussetzung der Diskriminierung erfüllt sie dagegen nicht“. Diskriminierungen liegen juristisch nur vor, wenn Menschen einer bestimmten Gruppe -beispielsweise wegen ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe -beschimpft werden. Ein Verein haftet nur für diskriminierendes Verhalten, nicht aber für Beleidigungen.

Und dann?

Der Bezirk Weser Ems I, der nun seine Schiedsrichter schützen wollte, legte seinerseits Rechtsmittel und landete mit dem Fall letztlich vor dem Oberverbandssportgericht des Niedersächsischen Fußball-Verbandes. Hier sitzt Ralph-Uwe Schaffert vor, der hauptberuflich als Vorsitzender Richter des Oberlandesgerichtes Celle arbeitet. Schaffert kam mit seinen beiden Kollegen zu dem Schluss, dass die Revision gegen das Urteil abgewiesen und darüber hinaus ein Freispruch für Firrel erfolgen müsse. Allerdings aus anderen Gründen! Schaffert begründet dies damit, dass „Grün-Weiß Firrel den Vorfall (...) nicht hätte verhindern können. Deshalb trifft ihn keine Schuld“.

Wichtig dabei: Den Satz, „euch sollte man vergasen“, sieht der oberste NFV Richter -anders als noch das Verbandssportgericht- sehr wohl als Diskriminierung an. „Das ist eine sprachliche Diskriminierung durch eine historisch belastete Phrase“. Doch sei Firrel freizusprechen, da dem Verein keine Sorgfaltspflichtverletzung vorgeworfen werden kann. „Dies wäre aber wegen des auch im Sportrecht anzunehmenden Schuldprinzips unabdingbare Voraussetzung für die verhängte Sanktion“, heißt es in dem 15-seitigen Urteil.

Pikant: In der Vergangenheit wurde in Niedersachsen (betroffen war zB der ASV Altenlingen bei einem Heimspiel gegen Union Lohne) anders geurteilt. „Insofern könnte dieses Urteil Auswirkungen haben“, sagt Schaffert. Möglich, dass der Verband nun seine Satzung anpassen muss.

Der Bezirk hatte in seiner schriftlichen Revision u.a. argumentiert, dass der Abbrennen von Pyrotechnik oder des Zeigen von Bannern zu Strafverfahren führe. Während Pyro und Bannerbotschaften durch Kontrollen zu verhindern seien und damit den Vereinen bei entsprechender Verwendung „vorwerfbar“ gemacht werden können, „ist im vorliegenden Fall (…) nicht ansatzweise erkennbar, welche Sorgfaltspflichtverletzung dem Verein angelastet werden sollte“. Die Sportrichter wiesen darauf hin, dass der DFB auch Strafen ohne eine nachweisliche Schuld aussprechen könne. Beim NFV hingegen „scheidet eine Strafbarkeit ohne Verschulden aus“. 

Zusammenfassung:

„So etwas wie euch sollte man vergasen“ ist durch das Oberverbandssportgericht sehr wohl als Diskriminierung festgestellt worden. Allerdings, und hier liegt der Knackpunkt, liege „keine Sorgfaltspflichtverletzung“ der Firreler vor. Was ein Zuschauer nach dem Spiel dem Schiedsrichter verbal an den Kopf wirft, sei dem Heimclub nicht „vorwerfbar“. Genau dagegen richtet sich der Protest/Streik der Schiedsrichter.

Allgemeiner Hintergrund:

Gewalt und Beleidigungen gegen Unparteiische sind durchaus zum Problem geworden im Amateurfußball. Fast wöchentlich gibt es Meldungen von Spielabbrüchen, Schlägereien oder Polizeieinsätzen. Die Folge: Immer weniger Leute haben Lust Schiedsrichter zu werden. Ein Phänomen, das auch im Ausland zu beobachten ist. Erst letzte Woche kündigten mehr als 2000 englische Amateurschiedsrichter einen Streik an. Die Referees protestierten damit gegen Gewalt und mangelnden Respekt.

KEI meint:

Juristisch ist das letztinstanzliche Urteil richtig. Firrel kann nicht für die verbalen Entgleisungen einzelner Fans nach dem Spiel haften. Dennoch gilt es die Schiris zu schützen. Grün-Weiß ist gefordert den Namen des Fans zu kommunizieren, damit der Unparteiische zivilrechtlich klagen kann. Und: Firrel sollte diesen Fan aus seinem Stadion werfen! Lebenslanges Hausverbot. Als Zeichen an die Schiedsrichter und die anderen Clubs… Dafür braucht es nicht einmal ein Gericht.